Sonntag, 21. Dezember 2008

Der längste und der kürzeste Tag (15.12. – 21.12.08)

Keinen Tag zu früh kam am Dienstag per Kollegenpost O.s Winterjacke und per Chinesischer Post die CD des Kammerchores Vocalis ins Haus. Damit war Wärme von außen und innen garantiert. Es muss erwähnt werden, dass dieses Glück von mehreren Menschen geschaffen wurde, und diese sind meine Eltern, der Kollege von O.s Vater, Herr Mayer und Stef. Diesen sei hier von Herzen gedankt.
Mittwoch war ein komischer Tag. Nicht, dass irgendetwas hier in Beijing geschehen wäre, zumindest etwas, das hier Erwähnung finden müsste. Nein, es geschah in der .... oder besser MIT der Heimat. O. wusste seit langem, dass es passieren würde. Und es musste auch passieren. Aber er konnte es weder abwenden, noch dabei mithelfen, nicht einmal dabei sein.
Die Rede ist vom Umzug der Familie Meissner.
Seit seinem ersten Geburtstag war das Haus in der D. Straße für O. DAS Zuhause gewesen. War er auch weg für einen Tag, im Urlaub für eine Woche oder einen Monat, oder gar auf Mission für zwei volle Jahre. Er wusste, er würde zurück kommen. In sein Zimmer in diesem Haus.
Der Gedanke, dass er nun aller Voraussicht nach im Juli heimkehrt, aber dies keine Heimkehr nach Hause wird, sondern in eine andere Wohnung, .... ist komisch. Dass nun das Haus leer ist, und so wirkt, als wäre all das Schöne, das all die Jahre (ein viertel Jahrhundert!!!) darin stattfand, nie passiert. Abends gehen keine Lichter mehr an. Morgens wird kein Rollo mehr geöffnet. Ich hoffe, dass es einen Käufer gibt, der für ein Weiterbestehen sorgt.
Und immer wieder kommen mir Worte aus der letzten Folge der Serie „Babylon 5“ in den Sinn, als alle Hauptfiguren die Station verlassen, um andere Pflichten zu erfüllen. Sie lauten:
„Ich glaube, wenn wir einen Ort verlassen, geht ein Teil von uns mit, und ein Teil von uns verbleibt. Geh [in diesem Haus] irgendwo hin, wenn es still ist, und lausche. Nach einer Weile wirst du die Echos all unserer Gespräche hören, jeden Gedanken, den wir ausgetauscht und jedes Wort, das wir gewechselt haben. Noch lange nachdem wir weg sind, werden unsere Stimmen in diesen Wänden nachklingen, solange dieser Ort fortbesteht.“
In gewisser Weise ein sehr langer Tag für O., für den das Ganze wohl erst bei seiner Rückkehr wirklich Realität werden wird ...
Am Donnerstag trafen sich zahlreiche Geschwister aus dem Zweig, um den scheidenden Dickens’ ein letztes Geleit zu geben. In der Pizzaria Kro’s Nest! Da ging die Post ab! Und viel Pizza den Bach runter, also in den Magen. Jeder hatte da seine Freude und konnte noch mal so richtig abplaudern, ey! Da flossen mitunter auch echt harte Sachen, wie Tonic Water oder Wasser mit Eiswürfeln! Aber wenn irgendwann demnächst mal meine Beerdigung stattfindet, soll genauso eine Stimmung herrschen. Ein Abschied ja, aber mit Fokus auf das schöne „war“, nicht auf das getrennte „wird“. Denn es kommt gewiss ein „wieder“.
Am Freitag konnten die JAEs von Zweig Chris Wyatt wieder in ihrer Mitte willkommen heißen. Er ist auf Winterbreak wieder in Beijing, um Zeit mit seiner Liebsten zu verbringen. Es waren auch viele andere da, mehr als je zuvor, und sie alle trugen dazu bei, dass dies ein schöner Abend wurde. Da wurde nämlich dekoriert. Weihnachtsbaum und Wohnzimmer. Abba nisch zu Knapp!!! Das tolle an diesen Beijinger Plastikkugeln ist, dass sie beim Runterfallen immer so schön aufdatzen und wieder in die Hand, die sie verlor, zurückhüpfen J.
Am Samstag gingen Rezi, Flo, „Christina“ und O. zu einer Straße nördlich der Uni, wo es Buchläden hatte. Einen großen mit Neudrucken, und viele kleine mit Büchern aus der zweiten Hand (mit der zweiten hält man besser). Die Kälte kühlte die Begeisterung recht schnell, und man trennte sich je nach Bedarf und Interesse wieder auf. O. fuhr zum Domzili... Dozimi.... Zimbolo ... zum Heim der Familie Haslam, wo man mit reichlich leckerem an Speis und Trank Dan Haslams Geburtstag feierte. Der Hit aber war das Wiedersehen mit dem von O. geliebten Spiel ROBORALLYE, das drei Stunden lang die Leute lachen und weinen ließ, dass sie frohlockten und fluchten aber am Ende die ganze Truppe nach Hause ging. Die ganze Truppe? Nein. Die Haslams selbst blieben natürlich daheim.
Und der Sonntag war der 21.12., die Erdachse zeigt an ihrem Nordende in den freien Raum hinaus, weg von der Sonne und sorgte damit den kürzesten Tag des Jahres. Ab jetzt wird’s wieder besser, Freunde!

Mittwoch, 17. Dezember 2008

Eine schöne Bescherung (08.12. – 14.12.08)

Diese Woche wurde aufgetischt, und zwar in vielerlei Hinsicht.
Es begann mit einer kleinen Prüfung in Chinesisch (also Hanjü), nicht in Konversation (das heißt Koujü).
Am Donnerstag (und bitte glaubt mir, wenn ich Di und Mi nicht erwähne, dann war da auch nichts erwähnenswertes) stand wieder eine kleine Busreise auf dem Plan. Und zwar zu dem selben Gebäude, wie auch schon vor exakt einer Woche: Siemens-Tower. Es galt auch, sich mit der gleichen Person zu treffen, wie letzte Woche: Amber, Sekretärin eines Kollegen von Vater. Und O. nahm die gleiche Buslinie wie eine Woche zuvor: 944. Doch damit hörten die Gemeinsamkeiten auch schon auf. Denn Diesmal war O. nicht alleine unterwegs, sondern hatte aufsehenerregende Begleitung: Teresa aus dem schönen Österreich mit einer hellen Haarpracht, dass man förmlich sah, wie es den schwarzhaargewohnten Einheimischen in den Fingern juckte („Nur ... einmal .... anfassen!!!“). Und diesmal ging es auch um keinen Brief, sondern um ein Paket: Von der Familie!
Mit so vielen schönen Sachen, die man sich natürlich auch zum Teil hier kaufen kann, aber eben nur zum Teil. Und nun muss ich schnell eine Reaktion verfassen, für die Sachen, DIE man sich auch hier kaufen könnte (z.B. Winterjacke, Schal, Handschuhe und Kalender). O.s Gedankengang sieht ungefähr so aus: Er lebt ein Jahr lang in China. Danach kehrt er nach Hause zurück. Was er hier an Gebrauchsgütern kauft, hat er bei seiner Rückkehr doppelt. In Fällen einer Nachttischlampe oder Kehrschaufel und Besen kann man nix machen, so was holt nichtmal er sich gebraucht aus der Heimat. Aber Kleidung! Wenn sich schon die Gelegenheit bietet, warum sollte man dann nicht das verwenden, das man schon hat?
Damit das klar ist, es ist keine Geldfrage. Gerade Kleidung gibt es hier sehr günstig oder gut. Aber man muss immer an den Tag der Rückkehr denken. Da hat man dann eben eine Jacke mehr daheim, oder man lässt sie, die neue Jacke zurück. Oder man gibt noch mal Geld aus, um sie irgendwie doch mitnehmen oder schicken zu können. Und der Kalender, na ja, O. hat schon ein Etui und brauchte nur eine passende Füllung für 2009, warum also einen kompletten Kalender nachkaufen? Dass die Familie dann natürlich einen komplett neuen Kalender mitschicken würde, konnte ja niemand ahnen ...
So, nach Rückkehr in klirrender Nacht, angetan mit dem neuen Schal folgte O. einer Einladung einer Studentin aus dem gleichen Wohnheim, Chanettia (gesprochen Schaniescha) ihren Geburtstag mitzufeiern. Mann versammelte sich am Campustor und schlenderte bis zum geplanten Restaurant. Dort bekam die Gruppe einen eigenen abgeschlossenen Raum und dürfte essen.
Besonderer Clou der ganzen Geschichte war die blutige Tigertorte, die zwei Freundinnen dem Geburtstagskind schenkten. Die Aufschrift bedeutete „Vorsicht!“
Diese Torte wurde dann auch gegessen. Zu O.s Entzücken, war dies kein herkömmlicher Zuckerguss, sondern so eine Art Marshmallow-Schicht. Schmeckte richtig gut! Fast wie in Traumschiff-Manier ging auch ein zweites Mal das Licht aus, und die Bedienungen brachten eine Schale mit Essen herein, auf der Leuchtkörper steckten. Es waren eben Kerzen statt Sternwerfer und Obst statt Filet Mignon, aber die Atmosphäre, die Atmosphäre!!
Am Freitag gab es Heimabend Light. Außer O. kam niemand, und Leru musste leider auch weg. So bestellten sich Faye und O. indisches Essen und plauderten, bis auch sie früher als gewohnt weg musste.
Am Sonntag verabschiedete sich ein Zweig der Kirche von seinem Präsidenten, Heinz Dickens und seiner Frau Debby. Allen gegenteiligen Beteuerungen zum Trotz fühlte sich das Ganze an, wie eine Beerdigung. Naja, zumindest war es jedoch ein Abschied. Und die beiden waren schon zehn Jahre lang in diesem Zweig gewesen! Und kaum kommt O., BUMM!
Mittagsgastgeberin für die JAEs war heute Grace Kim, Kanadierin mit koreanischem Migrationshintergrund. Aber das Essen war ganz klar koreanisch und wurde am großen Esstisch eingenommen. Für die Nachspeisenhäppchen (darunter auch Lebkuchen aus dem Paket vom Donnerstag) konnte man zurr Ssssitzgggruppe ggehn! Und heute konnte O. auch zum ersten mal erleben, wie es aussah, wenn jemand bei dem Spiel „Phase 10“ die Phase 10 auch erreicht! Hatte nur gut drei Stunden gedauert.
Ach ja, eines noch. Was die größte Auftischung dieser Woche war: bei der Weihnachtsfeier letzten Samstag war eine große Menge Fleisch übrig geblieben ( in der Art dieses „pulled pork“), und Präsident Dickens hatte es O. bildlich gesprochen in den Schoß fallen lassen, sich daran zu erfreuen.
Man müsste inzwischen gelernt haben, dass O. nicht gerne verschwendet oder verderben lässt. Und als keiner etwas von dem Fleisch abhaben wollte, aß er eben selbst eine Woche lang zu fast jeder Mahlzeit Fleisch mit Nudeln. Dadurch erhielt seine Persönlichkeit gleich wieder etwas mehr Gewicht .... in der Gesellschaft.

Montag, 8. Dezember 2008

Nikolaus (06.12. - 07.12.08)

Am 6. Dezember feiert man in Deutschland (und bestimmt auch in Österreich) den Nikolaus. Ein schlichter Mann Gottes, der notleidenden Familien Geschenke brachte. Und das passt ja auch ganz gut zu dem Thema Weihnachten, an dem es um Hilfe, Zuwendung und Nächstenliebe geht.
Wahrscheinlich eher zufällig, weil er auf Samstag fiel, war der 6. Dezember auch der Tag des Weihnachtsdinners der beiden Zweige in Beijing. Es fand in der Mensa der Beijing International School statt. Und ca. 250 Leute waren da. Auf der einen Seite war das Essen, auf der anderen die Decken, bei denen man Fransen schneiden und anschließend knoten konnte. Und in der Mitte lagen Tischeweise Windeln, Puder, Seife, fertige Decken und ähnliches für ein Kinderheim.
Es war dies das erste mal, dass O. Weihnachten auf amerikanisch erlebte, und einfach erkennen musste, dass die ganze Herangehensweise von der ihm vertrauten grundlegend verschieden war. Im Deutschen verbindet er mit Weihnachten: Christkind, Baum, Besinnlichkeit, Weihnachtslieder, insbesondere Stille Nacht, Geschenke, Heilig Abend, Gans. Also so spontan.
Hier erlebte er Santa Claus (seit 100 Jahren in der Kleidung der Coca Cola-Werbung, der er entsprang), Rudolph das Rentier mit der roten Nase, schnell geträllerte Charols, die sich mit Glocken, Schlitten, Hohoho usw. befassen.
Zugegeben, Kommerz ist überall erstes Gebot, aber während man in Deutschland (und Österreich) noch erkennt, wo das Fest herkommt, und was es bedeutet, frage ich mich, wer diese Ideen von wegen Nordpol, Elfen, Rentieren, Schlitten, Zuckerstangen und Cookies gehabt hat.
Bitte nicht falsch verstehen, Weihnachten ist auch so ein lustiges Fest und betont das Geben und gegenseitige Zuneigung, aber es wirkt wie ein komplett anderes Fest.
Ich meine, verbinde mal die Geburt Jesu Christi mit einem rotmanteligen Rauschebart vom Nordpol.
Am Sonntag jedenfalls nahmen alle schon einmal inoffiziell Abschied von Debby und Heinz Dickens, die noch vor Weihnachten in die VS zurückziehen werden.
Und am Nachmittag gab es wieder ein Essenseinladung für die JAEs. Neben dem Essen das Beste war, dass die Familie einen putzigen kleinen Hausgenossen hatte. Nein, keine Küchenschabe, sondern einen Wellensittich. Und ein so braver noch dazu. Hoffentlich nicht so ein gehorsam geprügelter ...

Premieren und Dernièren (01.12. - 05.12.08)

Wie in einem anachronistisch-surrealen blog zu erwarten, kommt hier die Dernière (Laut einer Webseite das Gegenteil von Premiere) zu Beginn des Eintrags. Und doch ist sie zugleich eine Premiere ...
Nach der Morgenklasse ging O. zum ersten Mal zu einem oft gesehenen Friseurgeschäft, dass kein Ein-Mann-Laden war und von einem Hauch Moderne umweht wurde. Preise waren auch deutlich von außen lesbar. Normaler Haarschnitt 28 Yuan, vom Profi 48 Yuan. Hmmmmmmmmmm .... Ich überlasse es der Phantasie der Leser, für welche Option sich O. entschied.
Zunächst bekam sein schütteres Haupthaar eine Wäsche, Massage und Spülung. Dann wurde es gestutzt, dann nochmal gewaschen und gespült. Das Ergebnis sehen Sie: hier.
Zu Mittag aß O diesmal von feinsten. Reste vom Thanksgiving-Dinner! Das heißt, zwei Truthahnbeinchen mit Nudeln (Natürlich Nudeln!). Die öffentliche Küche verfügt über zwei Gasherde, also konnte O., während die Nudeln im kochenden Wasser lagen, die Beinchen über dem anderen Herd in bisschen rösten.
Und am Abend hieß es Abschied nehmen vom Taiji-Lehrer. Denn diese Woche fand die letzte Stunde satt ..... statt.
O. bat und erhielt die Ehre, dass der Lehrer seinen Namen handschriftlich in sein Tagebuch eintrug. Obendrein gab er ihm noch seine Visitenkarte. Damit wusste O., dass 张天豹 (Dschang Tiänbao) nicht nur im Taiji was drauf hatte, sondern sich mit allerlei verschiedenen Kampftechniken auskannte. Waren am Ende einige der Übungen, die er den Schülern beigebracht hatte, gar nicht Taiji ...?
Neues aus dem Verkehrsfunk: Dumdidum. Straßenausbesserungsarbeiten auf dem Ostcampus dauern an. Als Ärgernis am Rande wurde nun Baumaterial unter dem Hangelgestänge aufgestapelt, an dem O. sich nach seinem Morgensport doch immer so gerne entlanghangelte. Das muss nun auf unbestimmte Zeit (wahrscheinlich aber einen Monat lang) entfallen.
Zum ersten Mal sah O., dass sich eine Lehrkraft in Hinblick auf einen Prüfungstermin umstimmen ließ. Aus irgendeinem Grund war Donnerstag vielen nicht genehm, und so wurde gemeckert, bis Frau Niä entnervt klein beigab! O. verstand beide Seiten nicht. Und schwieg, wie immer, die feige Sau.
Der Donnerstag markierte den bislang kälstesten Tag seit O.s Aufenthalt. Als er am Abend eine kleine Reise unternehmen musste, um etwas von einer Bekannten zu holen, merkte er, dass seine Turnschuhe ihre Grenzen erreicht hatten. Solange er im Freien stand, brachte ihn sogar diese trockene Kälte buchstäblich zum Schlottern. Dass sowohl hin als auch zurück die Busse vor der Nase wegfuhren, und/oder bei fünf Bussen jeweils der ... letzte der richtige war, muss wohl nicht erwähnt werden.
Am Freitag wurde das Zimmer geputzt und Buntwäsche gewaschen. Am Abend gab es eine Light-Version des Heimabends, da nur vier Leute teilnahmen und eher salopp von der Leber weg plauderten.
Als Geistigen Gedanken sahen sie eine kleine Ehrbezeugung an Joseph B. Wirthlin, der nun seiner Frau in das nächste Leben gefolgt ist, um sie dort wieder in die Arme zu schließen.
Seine letzte Ansprache bei einer Generalkonferenz könnte man als Thema in seinen Grabstein meißeln: http://lds.org/conference/talk/display/0,5232,23-1-947-9,00.html .